Mein Weg zum Wudang Pai
| Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das erste Mal beim Youtube-Durchstöbern über die Wudang-Videos von Ismet (You Li Han) gestolpert bin. Es war auf jeden Fall einer dieser Tage, an denen ich mal wieder über diverse Schwertvideos bei den chinesischen Kampfkünsten hängen geblieben war. Neben den japanischen Schwertkünsten faszinierten mich auch stets die chinesischen Kampfkünste - seitdem ich meinen ersten Jet Li Film gesehen hatte. Vielleicht war es auch schon einer der „Knochenbrecher-Filme“ mit Jackie Chan in frühester Kindheit - ich kann es gar nicht mehr genau sagen. Sehr beeindruckt von Ismets Bewegungen landete ich auf seiner Website. Die Worte, die dort standen, berührten mich sehr und ich war überwältigt, dass, wie es schien, es in Deutschland eine Kampfkunst mit solch einer Tiefe gibt. | ![]() |
| Zum Kendo kam ich Ende 2005; zum einen wegen meiner Liebe zu Schwertern und Japan und zum anderen, da mir viele Menschen rieten, mehr aus mir herauszukommen. Ich glaubte, dass eine Rüstung, ein Schwert und das permanente Angreifen sicherlich mein Selbstbewusstsein stärken würden. Das Training machte mir viel Spaß und ich befasste mich sehr intensiv mit dem Kendo und dessen traditionellen Hintergrund. Neben mehrstündigen Trainingseinheiten 2-3x die Woche besuchte ich viele Lehrgänge, welche oft von hervorragenden Lehrern aus Japan geleitet wurden. Mit der Zeit beobachtete ich jedoch Veränderungen an mir, die mir nicht gefielen. Die aus dem Training entwickelte - und dort gewünschte - Angewohnheit, ständig anzugreifen und dem Gegenüber permanent entgegenzutreten, übertrug ich automatisch auf das Leben außerhalb des Dojos. Ich wurde körperlich steif und wenn ich mich angegriffen fühlte – wodurch auch immer, durch wen auch immer – ging ich oftmals offensiv dagegen. Diese Entwicklung entsprach nicht wirklich meinem Naturell und ich begann mich unwohl zu fühlen. Meine teilweise oft unangebrachten Reaktionen überraschten selbst mich. |
| Ich begann nebenbei nach etwas anderem zu suchen, wurde aber in Hamburg nicht fündig. Zu gerne wollte ich eine chinesische Kampfkunst beginnen und hatte dabei immer das Wudang Pai im Kopf, welches ich von den Youtube-Videos und der Website kannte. Es schien mir jedoch aufgrund der Entfernung von Hamburg nach Berlin unerreichbar. Trotzdem verglich ich alle Schulen mit Ismets Akademie in Berlin und drehte mich so im Kreis. Dann stolperte ich in einem Kampfkunstforum über Dennis (Yuan Zi Heng) - über die Videos, welche er postete und über die Worte, die er schrieb. Zufall?!? Ich versprach ihm, mal in Berlin in der Wudang-Akademie vorbei zu schauen, um mir ein Bild vom Wudang Pai zu machen, tat es dann aber doch nicht, da ich unsicher war, wie es dann hätte weitergehen sollen. Tatsächlich ist es ist dann dem Umzug von Dennis nach München zu verdanken gewesen, der alles forcierte. Dennis sagte, wenn wir uns in Berlin noch mal treffen wollten, dann sehr zeitnah, da er bald nach München gehen würde. Kurzerhand organisierten wir im April 2008 ein Forentreffen bei Wudang Deutschland in Berlin. Ismet war so lieb, uns seine Räumlichkeiten kostenfrei zur Verfügung zu stellen! |
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Die Tage zwischen der Idee und dem Treffen waren sehr aufregend, denn Dennis erzählte mir viel über das Wudang Pai, das Training und über den Daoismus und ich wusste, dass wenn ich in Berlin sein würde, meine Faszination für das Wudang Pai nur noch weiter wachsen würde. Dennis sagte mir, dass ich es mir erst einmal anschauen sollte und würde es mir dann wirklich gefallen, ich einen Weg für mich finden würde. Tja, und dann kam das Wochenende des Forentreffs. Ich glaub, einen schöneren Einstieg ins Wudang Pai hätte ich mir nicht vorstellen können. Jeder anwesende Teilnehmer sollte seine Kampfkunst kurz vorstellen, jedoch war ich am Samstag bei meiner Kendo-Vorstellung gedanklich noch beim dreistündigen Wudang-Training vom Freitagabend, an dem ich teilgenommen hatte. Es hatte mich gepackt. Ich durfte an diesem Freitag zwar erfahren, dass meine Bewegungen viel steifer waren, als ich es erwartet hatte, so wusste ich aber, dass ich angekommen war. Die für einen Außenstehenden einfachsten Bewegungen waren bereits so komplex, dass Dennis Worte über die Wichtigkeit von Basic-Übungen eine ganz andere Bedeutung bekamen. Das überaus nette Wochenende mit einer wundervollen Zeit in der Akademie war wie immer viel zu kurz und ich möchte mich auch hier noch einmal für die herzliche und unvoreingenommene Aufnahme von Ismet und seinen Schülern bedanken. Zu keiner Zeit hatte ich das Gefühl, komisch angeschaut zu werden, auch wenn ich im Nachhinein eine echt merkwürdige Figur abgegeben haben muss. Ich bekam in diesen drei Tagen ein paar wenige Übungen an die Hand, mit denen ich mich zuhause beschäftigen konnte, bis ich wieder Zeit finden sollte, nach Berlin zu fahren. |
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So stand ich in Hamburg mit den Übungen, meinem steifen Körper und tat mein Bestes. Obwohl es nur wenige Bewegungen waren – ich aber mangels Lehrer an meiner Seite gezwungen war, mich noch mehr selbst zu beobachten – bekam das Training eine sehr interessante Nuance. Wenn kein Lehrer greifbar ist, den man in der Woche aufsuchen kann, der einen motiviert und korrigiert, ist man noch mehr bei sich selbst. Die größte Schwierigkeit besteht darin, immer weiter zu machen und aus den eigenen Beobachtungen stets neue Motivation zu schöpfen. Interessanterweise haben diese wenigen Übungen und das Auseinandersetzen mit dem Daoismus in sehr kurzer Zeit bewirkt, dass mein Körper im Kendo nicht mehr „angreifen“ wollte; es ging nicht mehr. Dennis sagte zwar, ich solle schauen, abwarten und nicht gleich alles abbrechen, aber ich fühlte immer mehr, dass das Weitertrainieren des Kendos für meine Entwicklung kontraproduktiv gewesen wäre. Die Erfahrungen jedoch, welche ich durch das Kendo gewonnen hatte, sind wichtig für mich und ich würde sie nicht missen wollen. Etwas sehr Wichtiges, was ich durch das Kendo gelernt habe ist, dass man Selbstvertrauen nicht dadurch gewinnt, in dem man gegen sein Naturell arbeitet. Es war eine tolle Erfahrung für mich, laut zu schreien, meine „Gegner“ offensiv anzugreifen, aber ich habe dadurch etwas an der Fähigkeit verloren, achtsam in meiner Umwelt zu agieren. |
| Mittlerweile sind ziemlich genau 2 Jahre vergangen und ich habe natürlich auch einige intensive Stunden mit Ismet, Dennis und sogar mit Meister Tang Li Long hinter mir. Die Veränderungen, nicht nur die körperlichen, sind enorm. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht so viel darüber schreiben, außer dass sie kommen, ganz automatisch. Nicht nur, dass sich der Körper in Alltagsituationen, beim Sitzen und beim Gehen anders ausrichtet und entspannter ist, auch meine Rückenschmerzen beim Arbeiten sind verschwunden und meine Gedanken wurden ruhiger. Im Alltag gibt es häufiger Situationen, in denen man sich angegriffen fühlt – persönlich, während der Arbeit, auf der Straße, in der Familie und auch körperlich, Anrempler im Gedränge, an der Kasse, Provokationen von Jungendgangs. Während meiner Kendo-Zeit bin ich oft in den Gegenangriff übergegangen. Dieses hat sich mittlerweile geändert. Nicht nur, dass ich mit „Angriffen“ anders umgehe, ich fühle mich weitaus seltener angegriffen. Das Training des Wudang Pai ist nicht nur ein körperliches, der Alltag bietet einem eine Unmenge an Möglichkeiten, die Prinzipien zu üben und anzuwenden. |
| Nun sind es doch ein paar mehr Zeilen geworden und trotzdem steht hier nur ein Bruchteil dessen, was in den letzten 2 Jahren passiert ist. Wenn mich jemand beim Training sieht, mag er vielleicht denken: „naja, für nun fast 2 Jahre des Trainings ist das Gezeigte aber ein bisschen mager, wenig Formen, wenig Show“. Aber ich denke, dass gerade das intensive Auseinandersetzen mit den vielleicht so unbedeutend aussehenden Basic-Übungen, welche auf wundersame Weise im Laufe der Zeit immer schwieriger zu werden scheinen, das sind, was das Wudang Pai so wertvoll für mich macht. Die Achtsamkeit, welche ich in diese kleinen Bewegungen lege, helfen mir, die Achtsamkeit für meine Umwelt zu schulen. Alles im Leben ist wertvoll! Alles ist eins! |
| Für all diejenigen, die mit dem Training des Wudang Pai begonnen haben und sich fragen, wann denn die nächste Form bzw. Übung kommt, wo man nun schon 1000x ein und dieselbe Bewegung gemacht hat, lasst euch sagen: fragt nicht, macht einfach, erlebt und wenn ihr soweit seid, wird es „weitergehen“. Ich stehe noch ganz am Anfang und kann die Tragweite des Ganzen noch nicht fassen, aber ich lasse alles Weitere einfach auf mich zukommen und freue mich darauf. Wenn ihr euch für Wudang Pai interessiert und keinen Lehrer in eurer Heimatstadt habt, möchte ich sagen, dass dieses kein Hindernis darstellen sollte. Hängt euer Herz daran wie meines, dann besucht Seminare, Workshops, trainiert für ein paar Tage in München oder Berlin (Ismet hat Übernachtungsmöglichkeiten). Auch Entfernung kann sehr verbinden! | |
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Ich könnte noch so viel schreiben, aber an dieser Stelle möchte ich noch zwei Menschen ganz besonders danken. Zum einen Ismet, der es erst möglich gemacht hat, dass wir die Chance haben, Wudang Pai hier in Deutschland authentisch trainieren zu können und der mich sehr großzügig an seinem Wissen teilhaben lässt und zum anderen Dennis, ohne den ich nicht wüsste, wo ich heute stehen würde und der das Licht des Daoismus in mir entflammt hat und weiterhin pflegt. Ich hoffe so sehr, dass ich irgendwann den Menschen auch so eine große Hilfe werde sein können, wie ihr beiden es für mich seid. Heute bin ich froh, seit neuestem auch in Hamburg die Möglichkeit zu haben, authentisches Wudang Pai zu erlernen!
Danke für alles!
[Autorin: Nicole Dumke, März 2010] |





